Wilde Mischung

29. September 2017 by

1. Casper – Lang lebe der Tod: Ja, lang lebe nicht nur der Tod, sondern lang musste man auch auf den neuen Longplayer vom guten Casper warten. Es gab ja vorab schon die ein oder andere vielversprechende Single, nun ist auch das Album da. Wie schon zu erwarten war, ist das eigentlich kaum noch Hip Hop. Es rockt ganz gewaltig und Abwechslung ist Trumpf, geht zum Teil fast in die Industrial-Ecke. Der geniale Titel-Track, zusammen mit Blixa Bargeld und Sizarr, ist da ein ganz hervorragendes Beispiel. Im Refrain fast Chanson-mäßig, dazwischen düster-bedrohlich mit stampfendem Tiefton-Bass – ganz großes Kino und einer der besten Tracks des ganzen Jahres! Ebensfalls ganz oben dabei, die Kollabo mit Drangsal. Die Singles sind mit die stärksten Tracks des Albums, wobei auch die anderen Titel was können. Textlich ist der Mann sowieso schon immer sehr gut gewesen. Er gibt Einblicke in sein Seelenleben, wird nie oberflächlich oder belanglos, wie so anderer Möchtegern-Philosoph. Der eigenwillige Sprechgesang und die besondere Stimme tun ihr übriges, der Junge ist in der deutschen Musikszene einzigartig. Die drei ruhigen Stücke am Ende lassen das Album nachdenklich ausklingen, auch wenn sie für mich auf „Lang lebe der Tod“ am unspannensten sind. Trotzdem sehr starkes Album!

2. Beatsteaks – Yours: Einen bunten Strauss an Songs überreichen die Beatsteaks mit ihrem, passend mit „Yours“ betiteltem, neuen Album. Die Band steht bei mir jeher für gute Einzelsongs, die nie auf Albumlänge überzeugen konnten. Bei 21 Stücken inkl. einiger kleinerer Interludes stand auch bei „Yours“ zu befürchten, dass hier nicht alles Gold ist, was glänzt. Und so ist es dann auch – weniger wäre manchmal mehr. Es gibt zwar nicht wirklich schlechte Stücke auf der Platte, aber einige sind halt Standard-Rocknummern, die nicht besonders spannend sind. Spannend wird es immer dann, wenn es nicht allzu straight gerockt ist. Ganz vorne dabei die reggae-artige Single „L auf der Stirn“ zusammen mit Deichkind, „Filthy Crime“ mit zuckersüßem Geflöte, der Titeltrack „Yours“ mit cooler 70ies-Psycho-Orgel oder die Kollabo mit Farin Urlaub auf Deutsch. Nervig dagegen die Nummer mit Stereo Total „Velosolex“. Das Album ist sehr abwechslungsreich und es gibt genug zu entdecken. 5-6 Stücke hätte man weglassen können, trotzdem ist es als Album betrachtet mit das Stärkste, was die Jungs bisher rausgebracht haben. Echt gut!

3. King Gizzard & The Lizard Wizard – Murder of the Universe: Was für ein lustiger Bandname! Und ähnlich durchgeknallt hört sich auch die Mucke der Australier an. Das Konzeptalbum „Murder of the Universe“ bietet dabei 3 Teile mit jeweils einer Fantasy-Geschichte, die in pyschedelisch-progressivem Zirkushorror-Rock (oder wie man das nennen kann) dargeboten werden. Eine weibliche Stimme erzählt zwischendurch immer wieder Teile der Story, die dann wild-wüst von der Band vertont wird. Dabei gibt es bei Story 1 z.B. immer wiederkehrende Sound-Themen, so dass alle Stücke von Disc 1 eigentlich wie ein großer, langer Track wirken. Die Mucke walzt dabei in ordentlichem Tempo im 70tiers-Stil vorwärts. Man kommt sich vor, wie auf einem wilden Ritt durch die Vergangenheit, Drogen und Wahnvorstellungen inklusive. Nicht jedermans Sache, aber das hat irgendwie was und ist extrem spannend. Ne coole neue Sounderfahrung!

4. LCD Soundsystem – American Dream: Murphy is back! Eigentlich hatte der Kopf hinter dem LCD Soundsystem ja vor ein paar Jahren das Ende der Band bekannt gegeben, aber irgendwie hat niemand daran geglaubt, dass das final sein wird. Mit „American Dream“ meldet sich das Soundsystem jetzt beeindruckend zurück. Das Album bietet alles, was man von der Band erwartet – schweisstreibende Beats, leicht dahingenölter, halb gesprochener Gesang und jede Menge Potential für die Indie-Tanzfläche. Erinnert mich zum Teil stark an meine Lieblinge WhoMadeWho. Man höre sich nur mal den Track „I Used To“ an. Electronic Dance und Electro Clash, so wie er sein muss, auch, wenn nicht alle Stücke überzeugen. Im Großen und Ganzen aber ein sehr gelungenes Comeback mit einigen Highlights.

Und zum Abschluss noch ein Aufruf an alle Bruce Springsteen Fans: hört Euch das neue „The War On Drugs“ Album an. Das hört sich extrem an, wie der Boss und ist mir deswegen auch viel zu langweilig und öde. Warum das von den Kritikern so abgefeiert wird, ist mir ein Rätsel. Da fand ich die Scheibe davor deutlich spannender!

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Dancing in action!

16. September 2017 by

1. Hot Action Cop – Listen Up!: Na sowas! Da hat doch eine der coolsten und zu Unrecht unbeachtetsten Bands meiner Jugend vor 3 Jahren noch ein Album rausgebracht, und ich hab es nicht mitbekommen! 2003 brachten Hot Action Cop ihr Debut raus und punktete auf MTV mit Song „Fever for the Flava“ quasi als One Hit Wonder in der Nu Metal-Zeit. Das Album bot damals extrem viel mehr, was allerdings niemand außer mir mitbekommen zu haben schien. Knüller-Songs wie „Why Judy?“ z.B. hätten auch die Chili Peppers nicht besser hinbekommen. Und nun gibt’s tatsächlich noch „was neues“. Was soll ich sagen – „Listen Up!“ präsentiert sich genau so Hit-treffsicher, wie damals Album Nr. 1. Da reiht sich Party-Rock-Ohrwurm an Ohrwurm und jeder DJ in einer Alternative-Disse könnte hier aus dem Vollen schöpfen. Ob das nun Prince-Style wie in „House of Pain“ ist, halbaccoustisch wie „Girl on the Train“ oder balladesk in den Refrain-Höhepunkt gesteigert wie in „Pull the Trigger“ – jeder Song ein Hit! Extremst gut! Besser, als alle letzten Chili Peppers Alben auf jeden Fall! WARUM KENNT DIE KEIN SCHWEIN?

2. Zoot Woman – Absence: Cool auf ne ganz andere, eher unterkühlte Art, sind Zoot Woman. Deren lässig groovender Elektro-Sound treibt einen auch auf die Tanzfläche – vielleicht allerdings nicht unbedingt in der Rock-Disko. Ihr zweites Album, lustigerweise ebenfalls aus dm Jahr 2003, zählt für mich immer noch zu einem, der besten Alben in meiner Sammlung überhaupt. Danach war’s zwar OK, aber nicht mehr so überwältigend. „Absence“ schickt sich nun an, zumindest auf Platz 2 der Zoot Woman Scheiben zu klettern. Hier ist wirklich kein schlechter Song dabei. Jeder hat was und lässt einen ordentlich mitwippen. Und wer ein Kylie-Feature auf seiner Scheibe hat, hat eh schon gewonnen… 😉 Starkes Teil!

3. !!! – Shake the Shudder: Auch ne große Nummer in Sachen Indie-Dance bzw. Electronic fernab der Mainstream-Charts ist die Band mit dem lustigen Namen !!! (gesprochen Chk Chk Chk). Treibende Grooves und dazu ein cooler, manchmal halbgesprochener Gesang – und das alles absolut Tanzflächenkompatibel. Sonst fand ich die Truppe auf Albumlänger oft nicht so überzeugend, einzelne Songs stachen stark hervor. Auf „Shake the Shudder“ ist das aber anders. Auch hier ist eigentlich jeder Song stark, es gibt kaum Ausfälle. Alles extrem tanzbar und groovy! Also rauf auf die Tanzfläche. Und das das ne echte Band ist und kein DJ-Projekt, sieht man an dem coolen Video hier…

4. Lea Porcelain – Hymns to the Night: In eine ganz andere Richtung geht die Mucke der jungen deutschen Band Lea Porcelain. Ich würde zunächst auch nicht glauben, dass das Deutsche sind, so außergewöhnlich „undeutsch“ ist ihr Post-Punk-Wave-Sound. Die Grundstimmung ist eher melancholisch und düster. Es liegt immer ein leichter Hall auf Stimme und Instrumenten, wabernde Klangteppiche unterlegen fast jeden Song. Es wird auch schon mal düster, bedrohlich, wie in „Similar Familiar“ z.B., oder fast schon Chanson-mässig, wie in der Klaviernummer „White Noise“. Das ganz spielt sich auf einem hohen Niveau ab und klingt sehr spannend. Einige starke Songs treten aus der Masse allerdings hervor und gerade auf der zweiten Hälfte der Scheibe gibt es einige Songs, die eher mäßig sind. Im Großen und Ganzen aber ein sehr gelungenes Debut, dass Fans von Joy Division und Co. nicht verpassen sollten. Respekt!

Zum Schluss noch kurz zu Animal Youth und deren Album „Animal“ – geht in eine ähnliche Richtung wie Lea Porcelain, erinnert stärker an the Cure und hat auch 1-2 kleine Highlights, aber auf Dauer ist mir die Stimme des Sängers. Der gröhlt mir zu schräg. Der Song hier ist eines der Highlights…

Wenn schon Pop, dann so!

2. September 2017 by

1. Arcade Fire – Everything Now: Großer Aufschrei bei der Fangemeinde! Das neue Album ist ja voll poppig! Das klingt ja wie ABBA. Das hat doch nichts mehr mit Arcade Fire zu tun! Und schlimm? Wenn dabei so geniale Ohrwürmer wie „Everything Now“, „Creature Comfort“ oder „Electric Blue“ rauskommen, ist mir das latte! Ich steh ja eh auch auf gut gemachten Zuckerwatte-Pop, wenn es nicht zu cheesy ist. Und das ist die neue Arcade Fire für mich auf keinen Fall. Ich finde sie auch sehr abwechslungsreich. Klar – nicht alles ist ein Hit, auf Songs wie „Chemistry“ z.B. könnte ich auch gut verzichten, aber die anderen sehr guten Songs machen 1-2 schwächere Stücke absolut wieder wett. Bands müssen ja auch nicht auf jedem Album gleich klingen, von daher ein sehr mutiges Album, mit einigen der besten Songs des Jahres! Z.B. diesem Monster-Groover:

2. Portugal. The Man – Woodstock: Und noch eine Band, die den Pop für sich entdeckt zu haben scheint. Ich war völlig überrascht, als ich vor einiger Zeit den Sixties-Swing Song „Feel it still“ auf 1Live gehört habe, und danach herausgefunden hatte, dass der von Portugal.The Man sein soll. Die hatten doch sonst eher so Emo-Progressive-Kram ala Dredg, Trail of Dead und Konsorten gemacht. Und nun ein Song, der sich anhört wie „Hip Teans don’t wear Blue Jeans“? Die Neugier war geweckt, das Album „Woodstock“ musste her! Und auch hier gilt – wenn schon Pop und Mainstream, dann so! Ganz groß, was die Truppe an Ohrwürmern und Hits rauszaubert. Die Sixties-Nummer ist da eher nur eine Stilrichtung von vielen. Hier wird jede Facette des Pops bedient. Da gibt’s dann schon mal nen kurzen Rappart, oder es kommen doch mal Rockgitarren dazu – alle sehr Abwechslungsreich. Mein Highlight kommt aber zum Schluss, und da wird’s dann doch noch ein wenig zu schräg für’s Radio. Herrlich, wie in „Noise Pollution“ zunächst zu schrägen Tönen mit nöliger Stimme durch die Strophe gesprechsungen wird, um dann in gleich zwei melodiös unfassbar packende Refrain-Parts überzugehen. Der Song wird’s in meinen Jahres-Single-Charts weit bringen! Das Album vermutlich auch!

3. RAC – EGO: Und noch mehr Stoff für’s Radio. OK, der Produzent RAC musste jetzt nicht groß den Stil wechseln, wie die beiden vorher besprochenen Acts. Ich hatte vorher noch nichts von ihm gehört und bei EGO handelt es sich schon um das zweite Album des Mannes, der sich für seine Songs diverse Gastsänger und -sängerinnen zusammengesucht hat. Der prominenteste von denen ist wohl Weezer-Kopf Rivers Cuomo, meine Favoriten sind Chaos Chaos, die ich vorher nicht kannte und die sich im Song „Nobody“ anhören, wie Arcade Fire. Der Song selbst hätte auch hervorragend auf das neue AF-Album gepasst und wäre dort auf jeden Fall einer der guten Songs! Durch die verschiedenen Sänger wirkt das Album sehr abwechslungsreich und könnte auch als Compilation aus Charts-Lieder durchgehen, so hoch ist die Qualität der einzelnen Stücke. Da ist kein schwaches Stück drauf – wirklich genial! Ich prognostiziere einen Top3-Platz in meinen Albumcharts, trotz des bärenstarken Musikjahres!

4. Mando Diao – Good Times: Schlechte Nachrichten im Hause Mando Diao – einer der beiden Sänger hat sich verabschiedet. Ob das an den überwiegend vernichtenden Kritiken am letzten Album lag, auf dem sich die sonst eher rockige Truppe ja auch in zuckrigem 80er-Wave-Pop versucht hat, bleibt zumindest für mich unklar. Ob das ohne die zwei Stimmen noch funktioniert – zumindest war das ja ein herausstechendes Merkmal der Schweden – da war ich mir zunächst nicht sicher. Ich fand alle Outputs der Band bisher immer klasse und auch die neue Single „Shake“ klang gut. Nach mehreren Hördurchgängen kann ich alle beruhigen – das Album ist mit ihr stärkstes geworden, würde ich mal sagen. Überraschend auch hier, wie abwechslungsreich das Album ist, was den Musikstil angeht! Man muss nur mal den Rocker „All the things“, die Elektronummer „Good Times“ und den typischen Mando Diao Song „Shake“ hintereinander hören. Ruhigere Stücke gibt es auch, für das Album gilt – ähnlich wie bei RAC – eigentlich ist auf der Platte kein schwacher Song. Ganz hervorragend gelöst, trotz des Weggangs eines wichtigen Mannes! Albumchart-Kandidat!

Und dann waren da noch die beiden Progband-Alben von Katatonia und Anathema. Letztere sind ja auch inzwischen eher poppig, leicht elektronisch unterwegs und verzaubern mit schönen, zumeist traurigen, ruhigen Stücken. Erstere hatte ich mir vorher noch nicht angehört, können aber mit klassischem, guten Progressiv Rock überzeugen. Auch, wenn beide Scheiben wirklich gut sind – für die Jahrescharts in diesem starken Jahr, wird’s leider nicht reichen!